STOLPERN NICHT poltern*
Sicher sind auch Sie schon einmal in Essen über den einen oder anderen Pflasterstein „gestolpert“, weil dieser sich durch seine goldglänzende Messingoberfläche aus dem Grau des Pflasters hervorgehoben hat. Sie nennen sich tatsächlich „Stolpersteine“, weil sie uns in unseren Gedanken zum Stolpern bringen sollen.
Am 9. Juni gegen 14.00 Uhr waren wir mit einigen Menschen aus unserer Gemeinde dabei, als drei solcher Stolpersteine an der Ecke Vogelheimer Straße/Strickerstraße durch den historischen Verein Essen verlegt wurden.
Mittlerweile gibt es über 500 davon in Essen und ca. 120.000 europaweit.
Vor etwas mehr als 30 Jahren begann der Künstler Gunter Demnig Namen und Lebensdaten von Menschen, die in der NS-Zeit verfolgt, deportiert und ermordet wurden, in kleine Messingplatten einzugravieren. Als Pflastersteine sollen sie uns im Alltag aufmerksam machen, sollen das Gedenken an die Opfer sozusagen in unsere Lebensmitte rücken. Viele Menschen entdecken erst durch diese Steine, dass in ihrer unmittelbaren Nachbarschaft Deportation und Vernichtung stattgefunden haben. Unter der Überschrift „Hier wohnte“ beginnen all diese Pflastersteine, die vor den Wohnorten platziert werden, an denen die verfolgten und ermordeten Menschen zuletzt lebten.
Die in der Strickerstraße platzierten Steine sind insofern etwas Besonderes, weil sie nicht auf ein bestimmtes Wohnhaus Bezug nehmen, sondern darauf hinweisen, dass hier von 1938-1944 Menschen in einem Lager in Wohnwagen lebten.
So auch Ida Groß, zusammen mit ihrer noch kleinen Tochter Johanna und später auch mit ihrem 1941 geborenen Sohn Reinhold. Sie gehörte den Sinti-Familien an, die zunächst im Segeroth Quartier lebten. Dort war sie auch mit ihrem Mann Nikolaus Amberger, einem Musiker, in der Schlenhofstraße gemeldet. Nikolaus Amberger änderte 1936 seinen Nachnamen in Groß.
Da man Ende des 19. Jh. in diesem Stadtviertel noch eine preiswerte Unterkunft in Arbeitsplatznähe finden konnte, wohnten hier viele ärmere, aus Osteuropa zugezogene Juden und auch einige Sinti-Familien. Sie wohnten zum Teil in Mietwohnungen, aber auch in Wohnwagen am Schlenhof.
Ab 1937 beauftragte der nationalsozialistische Oberbürgermeister Just Dillgardt das Stadtsanierungsamt damit, ein neues Konzept für diesen Stadtteil zu entwerfen. Die Bewohner wurden in diesem Konzept in drei Gruppen unterteilt. Es gab eine Gruppe, die als „Gesundgebliebene“ bezeichnet wurden, die weiterhin in diesem Viertel wohnen bleiben sollten. Es gab eine Gruppe, die für Randsiedlungen der Stadt geeignet gehalten wurden und es gab die sog. „nicht Besserungsfähigen und die rassisch Minderwertigen, die es abzusondern bzw. auszumerzen“ galt.
Wann genau Ida mit ihrer Tochter Johanna gezwungen war mit ihrem Wohnwagen „umzuziehen“ in das Lager an der Strickerstraße ist unklar, da verschiedene Meldekarten vorliegen. Aber auf der Karte vom 13. November 1939 ist sie mit Wohnwagen und Kind für diesen Lagerplatz vermerkt.
Am 6. April 1941 wurde dort Reinhold geboren. Da war Ida bereits von ihrem Mann Nikolaus geschieden. Am 10. März 1943 wurden Ida und ihre beiden Kinder nach Auschwitz-Birkenau deportiert. Ida wurde dort am 8. April 1944 ermordet, nur wenige Tage nach ihrer Tochter Johanna, die am 21. März in Auschwitz ermordet worden war. Das Todesdatum des vermutlich noch nicht ganz dreijährigen Reinhold ist nicht mehr leserlich in den sog. „Hauptbüchern des Zigeunerlagers Auschwitz-Birkenau“.
Ida, Johanna und Reinhold sind Namen, die uns in Vogelheim nun im Gedächtnis bleiben werden, auch als Mahnung. Die Ausgrenzung und Anfeindung bestimmter Menschengruppen ist kein Thema von gestern. Im Gegenteil: Beleidigungen, rassistische und hasserfüllte Übergriffe nehmen zu und offensichtlich nehmen sie auch eine neue Dimension an. Bewusst wird laut gepoltert und provoziert, um Stimmung zu machen und auf Stimmenfang zu gehen. Anfang Juni diskriminiert die AFD-Politikerin Seli-Zacharias öffentlich in einem Video Menschen aus der Community der Sinti und Roma im Stadtteil Ückendorf in Gelsenkirchen. Sie duzt sie vor laufender Kamera, drückt ihnen Besen in die Hand und fordert sie auf sauber zu machen. Und sie betonte: „Diese Menschen müssen unsere Stadt verlassen!“
Ida, Johanna und Reinhold wohnten in ihrem Wohnwagen in der Stickerstraße in Vogelheim, ganz in unserer Nachbarschaft und wurden deportiert und ermordet. Ihre Namen, sie mögen uns immer wieder gedanklich zum Stolpern bringen und uns mahnen zum Widerspruch und Widerstand, wenn wir miterleben, dass Menschen durch öffentliches und lautes Poltern andere einschüchtern, beleidigen und diskriminieren. So etwas darf unter uns nie wieder möglich sein!
Susanne Gutjahr-Maurer
*Titel eines Beitrags von Ralf-Uwe Beck in: Augenblick mal. Zwei-Minuten-Texte, die den Alltag durchkreuzen, Weimar 2. Auflage 2021, S. 43.
Für diesen Text habe ich Informationen von Frau Birgit Hartings vom historischen Verein Essen zur Verfügung gestellt bekommen, die die Stolpersteinverlegung am 9.6.2026 leitete. Darunter war auch ein Ausschnitt aus einem Beitrag von Dr. Michael Zimmermann im 112. Band der Essener Beiträge (Beiträge zur Geschichte von Stadt und Stift Essen) aus dem Jahr 2000, mit dem Titel: „Entlassungen aus dem Zigeunerlager Auschwitz erfolgen grundsätzlich nicht – Die Essener Sinti unter dem Nationalsozialismus“, S.158-159.
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