An(ge)dacht


Pfarrer Michael Banken
Pfarrer Michael Banken

Liebe Leserinnen und Leser,

soll ich Ihnen mal erzählen, wie ich Jesus kennengelernt habe? Nein, nicht was Sie denken - obwohl ... Bilden Sie sich doch selbst eine Meinung. 

Es war an meinem ersten Tag im Krankenhaus. Ich trat meinen Zivildienst an; früher gab es das, wenn man den Dienst mit der Waffe in der Bundeswehr verweigerte. Ich wurde auf eine Station eingeteilt und - Jesus vorgestellt. Er hatte schwarze Haare und war recht klein, drahtig von Gestalt, ein paar Jahre älter als ich damals. Er hieß wirklich Jesus, sogar Jesus Christobal. Denn er hatte am 24. Dezember Geburtstag und stammte aus Portugal. 

Jesus war Pfleger auf der Station und hatte den Auftrag, mich in alle Arbeiten einzuführen, Bettenmachen und Inhalieren und alles andere. Dazu gehörte auch die Zubereitung von Sitzbädern für einige Patienten. Ich erinnere mich noch gut an den älteren Mann, den er zuerst zum Sitzbad holte. Der Mann kannte Jesus anscheinend schon länger und bat ihn ohne Umschweife, ihm am Rücken einige Mitesser auszudrücken. Offensichtlich nervte ihn der Juckreiz. 

Und Jesus? Der machte das, mehrere Male, bis der Mann zufrieden war, weil es nicht mehr juckte. Ich stand dabei und es schüttelte mich. Einem anderen die Mitesser auszudrücken, das fand ich ziemlich eklig. Das konnte ich mir überhaupt nicht vorstellen. Ich habe das auch im Krankenhaus nie gemacht. Aber ich staune heute noch über die Bereitwilligkeit, mit der Jesus sich darauf einließ und sich nicht davor ekelte. 

Heute schreibe ich eine Andacht darüber und denke daran, wie weit die Zuwendung zu den Menschen gehen kann. Bei Jesus Christobal ging sie damals ziemlich weit, jedenfalls weiter als bei mir. Bei dem anderen Jesus, dem aus der Bibel, ging sie schließlich auch weiter. So weit, dass er am Ende für seine Menschenliebe gestorben ist, weil er nicht davon lassen wollte.

So war das, als ich Jesus kennengelernt habe, den Christobal, der in seiner Menschenliebe weiter ging, als ich es mir vorstellen konnte. Vielleicht nötigt uns die Liebe zu den anderen Menschen, die Gott uns aufträgt, immer wieder dazu, ein Stück weiter zu gehen als bisher. Mal sehen, wie weit wir damit kommen. Es müssen ja nicht gerade die Mitesser sein.

Und schließlich geht Gott in seiner Liebe zu den Menschen auch weiter, als wir es ermessen und begreifen. Denn er will ja unbedingt unser Gott sein. Er will unser Leben teilen. Und er hat Jesus von den Toten auferweckt, damit wir wissen, wie weit Gottes Liebe zu uns reicht. So weit, dass er auf ewig unser Leben will und wirklich alles dafür tut. Gott sei Dank. 

 

Ich wünsche Ihnen ein frohes Osterfest! 

Michael Banken