An(ge)dacht


Pfarrer Michael Banken
Pfarrer Michael Banken

Gedanken zum Erntedankfest

 

Wir ernten, was wir nicht gesät ha- ben, und säen, was andere ernten. Unser Garten ist klein – zugegeben. Dennoch habe ich ein paar Blumenbeete angelegt. Jeden Tag gehe ich mindestens einmal durch und schaue nach, was sich ent- wickelt. Ringelblumen haben uns lange erfreut. Ebenso die Brennende Liebe. Die Sonnenblumen waren eine Wucht. Und die Lilie, die ich seinerzeit aus dem Kirchhof in Rumänien mitgebracht habe, wird jedes Jahr größer. Jetzt blüht der Stolze Heinrich und ist auch mein ganzer Stolz.

An mir liegt das nicht. Ich hatte wenig Zeit für den Garten. Ab und zu jäte ich das gröbste Unkraut und

schneide den Rasen. Das meiste wächst fröhlich, wie es will. Oder eben nicht. Manchmal feiern auch die Schnecken ein Fest. In diesem Jahr ist manches gelungen. Fast ohne mein Zutun. Ich freue mich daran. Ich bin dankbar für das,was Gott hat wachsen lassen. Fast könnte ich sagen: Ich ernte, was ich nicht gesät habe.

Ob das nicht auch in anderen Be- reichen unseres Lebens so ist? Wir profitieren von dem, was andere erarbeitet haben. Natürlich müssen wir auch die Fehler ertragen, die frü- her gemacht worden sind. Und un- sere Kinder müssen die Schulden abtragen, die wir anhäufen. Aber das gilt auch im positiven Sinn: Wir ernten, was wir nicht gesät haben. Wir bauen auf dem auf, was vor uns eingestielt worden ist.

Das Haus, in dem ich wohne, habe ich nicht gebaut. Morgens bringt mir jemand die Zeitung, andere haben die Informationen zusammengestellt. Ich habe nicht die Wasch- maschine erfunden und bin doch heilfroh, dass es sie gibt. Dass ich durch ein kleines Gerät am Ohr live mit Menschen sprechen kann, die gerade ganz woanders sind, halte ich bei Licht betrachtet immer noch für ein Wunder. Das hätte ich mir nicht ausdenken können. Wir ernten, was wir nicht gesät haben.

Der Frieden in unserem Land, die Freiheit, die Demokratie. Andere haben sich dafür eingesetzt. Wir nutzen es, mehr oder weniger dankbar dafür; bewahren es, so gut wir können, entwickeln es weiter. Und ist es beim Glauben nicht auch so? Jesus wurde von Gott auf die Erde geschickt und in die Erde gelegt, damit sein ganzes LebenFrucht bringt. Über Jahrhunderte und Jahrtausende hinweg schöp- fen wir aus dieser Quelle, finden darin Kraft und Orientierung. Gott hat gesät, und von den Früchten leben wir immer noch.

Wir ernten, was wir nicht gesät haben --- und wir säen auch unsererseits wieder aus. In dem Gedicht „Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland“ kommt das schön zum Ausdruck. Großzügig verteilt der Herr von Ribbeck die Früchte des Birnbaums an die Kinder. Weil er ahnt, dass sein Sohn knauserig ist, lässt er sich eine Birne mit ins Grab legen. Wenige Jahre später wächst so ein neuer Birnbaum, von dem die Kinder essen können. So wird die Hartherzigkeit des Sohnes überlistet.

Wir säen, was andere ernten - und das ist gut so. Damit die Kinder in Zukunft Birnen essen können, muss rechtzeitig ein Birnbaum gepflanzt werden. Aber die Kinder brauchen nicht nur Birnen; eigentlich ist es die Großzügigkeit selbst, die Herr von Ribbeck einpflanzt und die wachsen und gedeihen und andere erfreuen soll.

Ja, wir säen aus, was wir erfahren haben, vielleicht solche Großzügigkeit und Weitsicht. Wir geben unsere Gedanken, Erfahrungen und Werte weiter an andere. Wir versuchen, unseren Mitmenschen Verständnis und Respekt entgegenzubringen. Das ist ein Kreislauf des Weitergebens: Wir erfahren Gutes und geben Gutes weiter. Durch diesen Kreislauf will Gott dafür sorgen, dass niemand zu kurz kommt, dass keiner für sich alleine nimmt und gibt, sondern füreinander und für die ganze Welt.

Danken wir Gott dafür, staunen wir über diese Verzahnung der Generationen, freuen wir uns an den Früchten und säen wir unsererseits aus, was Gott in unseren Händen und Herzen hat wachsen lassen.

 

Michael Banken