An(ge)dacht


Mama, guck mal, wie hoch ich bin! Maaaama! Guck mal! Das Kind auf dem Klettergerüst wird nicht müde nach seiner Mama zu rufen. Dabei geht es nicht um großes Lob für das hohe Klettern, sondern darum, dass Mama hinschaut. Guck mal, hier bin ich! 

 

Wir Menschen wollen gesehen werden. Das gilt nicht nur für Kinder auf dem Klettergerüst, sondern für uns alle. Wir sind darauf angewiesen, dass andere uns wahrnehmen. Jemanden „keines Blickes zu würdigen“  ist eine Form der Missachtung und sorgt für schlechte Gefühle und vielleicht sogar Streit. Wir Menschen brauchen, dass andere uns sehen. Gesehen werden tut uns gut und tut Not: auf dem Spielplatz, in der Schule, in Familie und Beruf, in unseren Gemeinden, auf der Straße, in der Nachbarschaft, wo auch immer.

 

Es hat mit unserer Würde zu tun, wenn andere uns mit einem freundlichen Blick begegnen. 

Doch immer wieder machen Menschen die Erfahrung, dass sie übersehen werden. Wie muss das sein, in der Fußgängerzone auf dem Boden zu sitzen, vor sich einen Becher, das ewige Warten darauf, dass Mitmenschen hinsehen und etwas Geld teilen? Manche machen geschickt einen Bogen um die Bettelnden dort unten, bloß nicht hinsehen. Denn der Blick, das Ansehen, bedeutet, dass da eine Verbindung aufgebaut wird. 

 

„Du bist ein Gott, der mich sieht.“ Das erfährt die Sklavin Hagar im ersten Buch der Bibel. Hagar hat es nicht leicht. Ihre Herrin Sara behandelt sie so schlecht, dass sie es nicht mehr aushält und in die Wüste flieht. Wer schert sich schon um das Schicksal einer Sklavin, die ihrer Herrin davonläuft? Es ist Gott, der Hagar sieht. Sie, die Übersehene, wird angesehen, endlich schaut einer hin! Und so kann Hagar inmitten der Wüstenmomente des Lebens sagen: „Du bist ein Gott, der mich sieht.“ 

 

Dieser Vers aus 1. Mose 16,13 ist die Jahreslosung für dieses Jahr. Es sind zuversichtliche Worte, die uns stärken können, wenn wir unsere Wüstenmomente erleben. Und es sind auffordernde Worte an uns, wenn es nötig ist, dass wir genau hinsehen. Der freundliche Blick auf die andere ist ja nicht immer leicht. Dem anderen mit offenem und ehrlichem Blick zu begegnen bedeutet Verbindung und Kontakt. Manchmal ist das mühsam und braucht ein weites Herz, aber manchmal ist es auch voller schöner Überraschungen. Wer weiß, was sich ergibt, wenn wir uns aufmerksam ansehen?

 

Die Jahreslosung für 2023 sagt: Schau hin! Mach die Augen auf! Auf Dir ruht schon Gottes liebender Blick. Diese Zuversicht und Stärke trage Sie durch dieses Jahr!

 

Ihre Nele Winkel