An(ge)dacht


Nicht alles geht auf –

aber es wächst mehr als genug.

 

Spätsommer ist Erntezeit. Wer einen Gemüsegarten hat, kann jetzt gar nicht so viel essen, wie auf einmal reif ist. Gut, dass es Einkochgläser und Tiefkühlfächer gibt und sich vieles haltbar machen lässt für spätere Zeiten. In biblischen Zeiten lebten die Menschen noch sehr viel mehr als wir in diesem Rhythmus von Säen und Ernten, Arbeiten, Feiern und Ruhen. Die Bilder von Saat und Ernte nimmt Jesus immer wieder auf, um zu verdeutlichen, wie Gottes Wirklichkeit in unserem Leben Gestalt gewinnen kann. Zum Beispiel in diesem Gleichnis:

 

„Ein Bauer ging aufs Feld, um seine Saat auszusäen. Während er die Körner auswarf, fiel ein Teil davon auf den Weg. Die Körner wurden zertreten, und die Vögel pickten sie auf. Ein anderer Teil fiel auf felsigen Boden. Die Körner gingen auf und vertrockneten schnell wieder, weil sie keine Feuchtigkeit hatten. Ein weiterer Teil fiel zwischen die Disteln. Die Disteln gingen mit auf und erstickten die junge Saat. Aber ein anderer Teil fiel auf guten Boden. Die Körner gingen auf und brachten hundertfachen Ertrag.“ (aus der Bibel: Lukas 8,5-8)

 

Da geht aber einiges schief beim Aussäen, könnte man meinen. Kann dieser Bauer nicht ein bisschen aufmerksamer gucken, wo er sein Saatgut hinwirft? Auf dem Weg, zwischen den Felsen und unter den Disteln wird das natürlich nichts. Aber es geht ja hier um ein Gleichnis: eine Geschichte, die mit Bildern aus dem Alltagsleben etwas umschreiben will, wofür es sonst kein Bild gibt. Und bei allem, was wir im übertragenen Sinn in unserem Leben aussäen an beruflichem Einsatz, persönlicher Zuwendung, Arbeitskraft, Zeit und Aufmerksamkeit, sieht man im Vorfeld auch nicht immer so genau, ob der Boden gut ist und die Saat eine Chance bekommt. Auch da geht nicht alles auf, was wir anfangen und aussäen. Manches sieht erst einmal vielversprechend aus und wächst dann doch nicht weiter. Auch wer keinen Garten hat, kennt das aus allen anderen Lebensbereichen.

 

Kinder schlagen ganz andere Wege ein, als die Eltern gerne gesehen hätten. Projekte auf der Arbeit entwickeln sich nicht wie geplant und bringen trotz großem Einsatz nicht den erhofften Erfolg. Langjährige Freunde stellen fest, dass sie sich immer weniger zu sagen haben und den Anderen im Grunde nicht mehr verstehen.

 

Es geht nicht alles auf im Leben. Das Gleichnis betrachtet das sehr realistisch und ungeschönt. Da wird einiges zertrampelt, vertrocknet und erstickt. Aber damit hört die Geschichte nicht auf: Es gibt auch den Teil, der auf guten Boden fällt, aufgeht und wächst. Im Vergleich mag das nur ein kleiner Teil sein. Aber da wird die Saat groß und bringt hundertfach Frucht.

 

Ich verstehe dieses Gleichnis als Ermutigung zu Gelassenheit und Geduld. Auch wenn ich mein Leben auf Gott ausrichte, gelingt nicht alles, was ich anfange. Ich muss das nicht beschönigen oder vertuschen. Aber ich werde auch nicht darauf festgelegt. Ich kann weiter gehen und weiter säen im Vertrauen, dass vieles guten Boden findet. Gott lenkt meinen Blick auf alles, was aufgeht und wächst. Und das ist mehr als genug.

 

Maren Wissemann