An(ge)dacht


Pfarrerin Maren Wissemann
Pfarrerin Maren Wissemann

Das hatten wir uns anders gedacht, denken die Jünger. Jetzt ist er gerade einigermaßen bekannt geworden. Eine ganze Menge Menschen sind begeistert und bereit mitzumachen. Das müssen wir doch nutzen! Was wir jetzt alles bewegen könnten, wenn wir die Masse auf unsere Seite ziehen! Und da redet der vom Leiden und Sterben; dass das Weizenkorn in die Erde fallen und sterben muss, weil es sonst keine Frucht bringt.

Das hatten wir uns anders gedacht. Seit einem Jahr sind die neuen Pfarrer*innen in unserer Gemeinde jetzt am Start. Aber so richtig viel Neues ist noch nicht gewachsen. Manche Angebote konnten weitergeführt werden. Vieles andere liegt brach, weil niemand wirklich Zeit hat, sich darum zu kümmern. Noch nicht mal Weihnachten wurde richtig gefeiert.

Das hatten wir uns anders gedacht. Das dritte Jahr unter dem Vorzeichen der Corona-Krise bricht an. Und ein erfolgversprechender Weg aus der Krise scheint immer weniger greifbar. Immer wieder haben wir Pläne angepasst, Einschränkungen in Kauf genommen, auf alles Mögliche verzichtet. So langsam geht uns die Luft aus.

„Ich lebe und ihr sollt auch leben!“ sagt Jesus. Leben heißt Einatmen und Ausatmen. Nehmen und Loslassen. Und der schwierige Teil dabei ist das Loslassen.

Das Gefühl, buchstäblich keine Luft zu kriegen, kenne ich sehr gut. Seit ich ein kleines Kind bin, habe ich Asthma. Nach und nach habe ich gelernt, dass das Problem das Ausatmen ist. Die Luft muss erst einmal raus, damit neue rein kann. Aber mit dem Gefühl, keine Luft zu bekommen, versucht man automatisch immer mehr einzuatmen – und kriegt immer weniger Luft. Ich musste das als Kind regelrecht üben: Ausatmen, damit ich wieder Luft holen kann.

„Üben! Sieben Wochen ohne Stillstand“ ist das Motto der diesjährigen Fasten-Aktion der evangelischen Kirchen. In der Fastenzeit verzichten Menschen ganz bewusst auf etwas, um Raum zu schaffen für etwas Anderes. Nicht nur neue Fähigkeiten, ein Instrument oder eine Fremdsprache wollen geübt sein; auch das Verzichten, Loslassen, Abschiednehmen kann man einüben. Nur wer loslässt, hat die Hände frei, um etwas Neues zu ergreifen. „Halte mich nicht fest!“ – sagt der auferstandene Jesus an Ostern zu Maria, als sie ihn erkennt und umarmen will. Nur wer loslässt, kann weitergehen und den nächsten Moment mit offenen Armen empfangen. Das möchte ich einüben in den sieben Wochen der Passionszeit: Den Augenblick umarmen, loslassen und weitergehen.

Eine gesegnete Passions- und Osterzeit wünscht

Ihre Maren Wissemann